»Der Rechtsstaat ist das Rückgrat der Gesellschaft«

Als Kind wollte er Polizist werden, heute ist er Richter. Ünal Yalcin ist seit elf Jahren an verschiedenen Arbeitsgerichten in Baden-Württemberg tätig. Er schätzt vor allem die Abwechslung in seinem Beruf.

Sie sind jetzt seit knapp elf Jahren Richter. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Gerichtsverhandlung?
Ünal Yalcin: Natürlich. Ich gebe zu, ich war sehr nervös. Als ich meine erste Gerichtsverhandlung zu leiten hatte, traute ich mich kaum, meine Robe anzuziehen und in den Sitzungssaal zu gehen.

Was hat sich seitdem für Sie in Ihrer Arbeit verändert?
Ünal Yalcin: Damals wie heute ist mein Respekt vor der hoheitlichen Gewalt, die ich als Richter ausübe, sehr groß. Inzwischen ist aber die am Anfang vorhandene Nervosität nicht mehr da. Verändert hat sich in den letzten Jahren vor allem die Arbeitsweise durch die Digitalisierung. Das Arbeitsgericht Stuttgart startete vor über zwei Jahren das Pilotprojekt elektronische Akte, seit Oktober ist diese nun gerichtsweit eingeführt. Seitdem benutzen wir keine Papierakten mehr. Alle neu eingehenden Verfahren werden nur noch elektronisch erfasst und geführt. 



Und was wird sich wohl nie verändern?
Ünal Yalcin: Die Abwechslung, die dieser Beruf bietet. Auf der einen Seite steht die Aktenbearbeitung, die Auseinandersetzung mit der Gesetzeslage und der neuesten Rechtsprechung, die Vorbereitung der Gerichtsverhandlungen und die Formulierung von Urteilen und Beschlüssen. Auf der anderen Seite stehe ich im Gerichtssaal im direkten Austausch mit den Menschen, nämlich den Klägern und den Beklagten und den Rechtsanwälten. Bei aller Modernisierung und Digitalisierung wird sich dieser Teil unseres Rechtsstaates wohl nicht verändern.

Welchen Stellenwert hat der Rechtsstaat aus Ihrer Sicht?
Ünal Yalcin: Der Rechtsstaat ist das Rückgrat der Gesellschaft. Es gibt leider zahlreiche Beispiele aus anderen Staaten, in denen die Justiz unter Druck gerät und ihre Unabhängigkeit untergraben wird. Sie wird instrumentalisiert durch die Regierung oder politische Parteien. Ohne Unabhängigkeit kann es aber keine funktionierende, keine faire Justiz geben.

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